252. Newsletter - sicherheitskultur.at - Ende September 2026
von Philipp Schaumann
Letzte Ergänzungen 22.09.2026
Themen-Überblick aller Newsletter
Hier die aktuellen Meldungen:
1. Der Kids-Act der EU - es geht nicht um die Kinder
Die EU legt einen Entwurf für den sog. Kids-Act vor. Aber eigentlich geht es gar nicht um Kinder. Kids ist ein Acronym und steht für ↑(opens in a new tab)"Keeping Internet Digital Spaces Accountable and Trustworthy". Es geht wohl eher darum, staatliche Zensurinstrumente für die Online-Kommunikation vorzubereiten, es geht um das Ende des anonymen Surfens im Internet. Selbst der Name legt das ja bereits nahe.
Wenn man die ↑(opens in a new tab)Berichterstattung in der Presse liest, würde man das gar nicht vermuten. Da steht: Keine sozialen Netzwerke unter 13 Jahren. Kein eigenes Nutzerkonto unter 15 Jahren, von 13 bis 15 Jahren sollen die Eltern laut Vorschlag "Mini-Konten" einrichten. Kinder von drei bis unter 13 Jahren sollen gar keinen Zugang zu sozialen Medien haben, aber über von den Eltern verwaltete Konten auf kinderfreundliche Videoplattformen zugreifen. Die Diskussion aber die jeweiligen Altersgrenzen ist eine "tolle" Gelegenheit, davon abzulenken, was eine solche Implementierung für ALLE Nutzer des Internets bedeuten würde.
Ob diese Altersgrenzen sinnvoll sind, das könnte man im Detail diskutieren, hier meine Beispiele, zB Meta, Social Media-Sucht und Handynutzung der Eltern oder Social Media: Verbieten oder Reparieren? Nahezu alle Expert:innen für Pädagogik halten ein Verbot (allein) für falsch. ↑(opens in a new tab)Es distanzieren sich der deutsche Ethikrat, der Kinderschutzbund, der Lehrerverband, die Arbeiterwohlfahrt und die Bundesschülerkonferenz von Social-Media-Verboten, ich schließe mich da an.
Aber das eigentliche Problem ist das Ende des anonymen Internets und die ↑(opens in a new tab)"mangelnde technische Expertise des Entwurfs". Denn um die Kontrollen umzusetzen müssen sich letztendlich ALLE Nutzer identifizieren (denn für die Nutzung, zB von Youtube, muss jeder Nachweisen, dass er:sie über 13 ist). Eltern oder Erziehungsberechtigte müssen 3 Nachweise erbringen: Erstens den Altersnachweis für sich selbst, denn den brauchen alle. Zweitens einen Altersnachweis für ihr Kind, das mindestens 13 Jahre alt sein muss. Und drittens einen Sorgeberechtigungs-Nachweis – um zu belegen, dass sie für das entsprechende Kind auch wirklich einen Account einrichten dürfen (Artikel 26). Das alles muss in digitaler Form erfolgen, es muss ein umfassender digitaler Kontroll-Apparat entstehen.
Das ganze soll "doppeltblind" passieren: Die Website, die das Alter kontrollieren muss (und das werden nicht nur Social Networks sein, sondern alle Websites mit teilweise "nicht-kindgerechten" Inhalten - zB Online-Spiele, AI-Chatbots, Videoplattformen, ...) sollen meine reale Identität nicht erfahren und der (noch zu schaffende) Identitätsdienst, dem gegenüber ich die Nachweise erbringe, soll nicht erfahren, auf welche Dienste ich zugreifen möchte. ↑(opens in a new tab)Erich Moechel hat sich die technischen Herausforderungen am Beispiel der bereits einige Zeit verfügbaren ID Austria angeschaut. Kurze Zusammenfassung des ausführlichen Textes: Das wird kurzfristig sicher nicht klappen. Die ID-Provider, die das bieten könnten, existieren einfach (noch) nicht. Mal abgesehen von der Frage: Wie das für Touristen und andere Personen funktionieren soll, die keine EU-Staatsbürgerschaft und keinen Anspruch auf solche digitalen Identitätsnachweise haben. Auch hier wird über die technischen Herausforderungen der Vorgaben berichtet: ↑(opens in a new tab)Ö-Social-Media-Verbot wackelt nach EU-Vorstoß.
Das nächste Problem mit diesem Plan ist, dass eine solche umfassende Identitätsdatenbank ein extrem wertvolles Angriffsziel wäre. Die USA haben gerade 153 Millionen Identitätsnachweise der Führerscheinstelle an die digitale Unterwelt verloren: ↑(opens in a new tab)America's Drivers Licence Breach is a National Security Disaster. Die "verlorenen" Daten enthalten Name, Anschrift, Foto und vieles mehr von fast der Hälfte der US-Bevölkerung. Mit diesen Daten können Betrüger viele digitale Dienste im Namen der Bürger nutzen. Aber nicht nur Betrüger, auch die ausländischen Geheimdienste sind bestimmt hoch-interessiert an den Daten. Das ist für die Geheimdienste ungefähr so toll wie der ↑(opens in a new tab)Office of Personnel Management data breach [wiki] in 2015.
2. "Internet-of-Things"-Trouble
2 Themen, beim Ersten geht es um Überwachung durch Fernseher: ↑(opens in a new tab)LG-Fernseher wohl anfällig für weitreichende Spionageangriffe und ↑(opens in a new tab)LG bestreitet Bespitzelung mit Smart-TVs, erntet erneut Kritik.
Dass Smart TVs über Automatic Content Recognition (ACR) für personalisierte Werbung die Sehgewohnheiten ihrer Nutzer tracken, ist schon seit Jahren bekannt. Bei LG reichen die Überwachungsmöglichkeiten aber offenbar noch weiter, wie neue Untersuchungen von Gamers Nexus und Security-Experten von Level1 Techs zeigen. Neu ist, dass die in den Fernsehern verbauten Mikrofone permanent mithören und aufzeichnen, was in der Wohnung gesprochen wird, auch im Standby-Modus. Später, wenn der Fernseher aktiv ist, wird "nach Hause" übertragen. Früher wäre eine effiziente Auswertung von Sprache nicht möglich gewesen, Sprach-AI macht neue flächendeckende Überwachungen möglich. Vermutlich steht das alles in den undurchsichtigen und sehr umfangreichen Nutzungsbedingungen ("zur Verbesserung unserer Dienstleistungen . . ", aber wer liest schon die AGBs).
Außerdem enthält die Software des Fernsehers Programme, die es möglich machen, den Fernseher als ↑(opens in a new tab)Proxy [wiki] zu verwenden: ↑(opens in a new tab)Nearly Half of LG Smart TV Apps Contain Residential Proxy SDKs. Damit können beliebige andere ihren Datenverkehr verbergen, indem sie ihn durch die privaten Fernseher durchleiten, zB Gruppen oder Staaten, die illegale Aktivitäten durchführen wollen und die eine IP-Adresse im lokalen Land möchten.
Hier mein voriger Artikel zu Smart Home Totalüberwachung mit AI.
Auch mit intelligenten Kühlschränken gibt es Ärger: ↑(opens in a new tab)Is Someone Hacking DoD Refrigerators? Es geht gleichzeitige um Kühlschrankausfälle auf ganz vielen US-Militärstandorten. Man könnte an einem Angriff denken. Oder vielleicht ist es einfach ein Problem beim Hersteller, siehe in Südkorea: ↑(opens in a new tab)Software-Update lässt Samsung-Kühlschränke ausfallen. Bei den vernetzten "intelligenten" Kühlschränken wurde kurz vor einem langen Wochenende ein Software-Update eingespielt und nun sind die Geräte nicht mehr in Betrieb und auch nicht mehr mit dem Internet verbunden. Ein Techniker muss vorbeikommen und das kann dauern, denn es sind sehr viele Kühlschränke nun "tot".
3. Der Kampf gegen die Tech-Oligarchen
Die Tech-Oligarchen des Silicon Valley waren ja hier schon öfters im Fokus und auch ihre Ideologien, die nicht wirklich kompatibel sind mit unserem Verständnis von Demokratie und Gerechtigkeit. Heute berichte ich über ein weiteres Buch zu diesem Thema mit vielen Hintergrunddetails. Der Titel "The Nerd Reich" ist natürlich eine Anspielung auf "Third Reich" unter Hitler.
Das Silicon Valley-Motto "move fast and break things" geht heute weit über die Idee der technologischen Innovationen hinaus und schließt auch den Zusammenbruch der Demokratie wie wir sie kennen und des Sozialstaats mit ein. Das Buch sieht die ideologischen Wurzeln zB im Buch "The Sovereign Individual" von James Dale Davidson und Lord William Rees-Mogg.
Gil Durán beschreibt, wie heute von "Nerds" anti-demokratischen Konzepte vorangetrieben werden, teilweise vermischt mit entweder religiösen "Endzeitphantasien" wie bei Thiel oder utopischen Phantasien von Maschinenherrschaft, Verschmelzung mit Maschinen und Kolonien auf dem Mars) hauptsächlich von Peter Thiel, Marc Andreessen, Balaji Srinivasan, und Elon Musk. Diese "Nerds" bekommen derzeit immer mehr Macht, nicht durch Waffengewalt, sondern durch ihren immensen Reichtum und ihre Kontrolle über AI-Systeme und Social Media, sowie die dadurch unterstützten rechten Parteien und derzeit auch durch den extremen Einfluss auf Trump durch extreme Geldzahlungen.
In ↑(opens in a new tab)The end of the world and our chance to stop it diskutiert Mark Hurst in einem Interview mit Gil Durán darüber, wie eine Machtübernahme der Tech-Riesen noch aufgehalten werden kann. Die heutige Macht der Tech-Konzerne ist in der Größenordnung der ↑(opens in a new tab)East India Company, die 1600 bis 1874 als private Kaufmannsgesellschaft die dominante Macht in Indien war und wie die (Kolonial-)Staaten wieder mühsam die Kontrolle zurück bekamen. Auch damals ist es letztendlich den Staaten gelungen, die Macht durch geeignete Gesetze einzubremsen. Hier zum Ausmaß der derzeitigen Machtverhältnisse: Nvidias Aktienwert liegt bei dem Bruttosozialprodukt (BSP) von Deutschland, Apple ist mehr Wert als Großbritanniens BSP und Alphabet (Google) ist vergleichbar mit Frankreich.)
Der Aufsatz ↑(opens in a new tab)What the Fuck Happened to Nerds analysiert ausführlich, wie aus den Nerds, die von 1970 bis 2007 noch als leicht weltfremde, teilweise charismatische Technikexperten galten, nun heute Machtmenschen wurden, die die Herrschaft über eine ganz andere Form der Welt anstreben.
4. UESCHRIFT
5. UESCHRIFT
6. Ergänzungen früherer Beiträge
AI im Krieg
In der früheren Ausgabe zu AI für Zielauswahl im Krieg wurden einige Details und der Link zu einem ausführlichen Interview zum sehr problematischen Einsatz von AI durch Israel verlinkt.
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Vorankündigung govcamp 2026 in Wien
Auch in diesem Jahr gibt es wieder ein govcamp in Wien - ich bin als Chaos Computer Club-Mitglied Teil der Veranstalter. Das Motto ist: "Wie schnell ist zu schnell? - Digitale Spannungsfelder zwischen Geschwindigkeit, Souveränität, Zuverlässigkeit und Transparenz". Datum: 16. November 2026 Nachmittags.
Die Veranstaltung findet im ↑(opens in a new tab)Barcamp-Format [wiki] statt, dh die Veranstalter stellen das Motto und die Räume, die Teilnehmer:innen schlagen Themen vor, die dann in Arbeitsgruppen 45 Min. lang diskutiert werden. Im Plenum wird am Ende eine Zusammenfassung präsentiert. Details hier: ↑(opens in a new tab)govcamp 2026 in Wien.
Kostenlos: ÖIAT-Online-Seminare
Kostenlose Online-Seminare organisiert das Österreichische Institut für angewandte Telekommunikation (↑(opens in a new tab)ÖIAT). Hier die kommenden Termine und Themen - alle diese Schulungen sind empfehlenswert (ich nehme an vielen davon Teil).
Die Termine und Themen der neuen Online-Kurse: (zumeist abends, ganz selten auch nachmittags oder morgens)
Anmeldung auf ↑(opens in a new tab)academy.oiat.at - der Zoom-Link kommt dann per Email - wie gesagt: m.E. sehr empfehlenswert.